Da sind verschlungene Pfade. Es geht über Stock und Stein, Wurzeln, Moos, dichtes Gebüsch, Rinnsale. Das Licht ist dämmrig. Du musst ganz Auge, ganz Ohr sein. Ganz Nase. Es duftet nach Waldkräutern und Waldboden. Seltsame Geräusche von überall her. Vogelstimmen.

Im Walde werden wir mit Körper, Seele und allen Sinnen voll beansprucht, überall kleine, mit Hindernissen verbundene Wagnisse.

 

Erlebnisraum Wald

 
 
Ein zentraler Bestandteil der Kindesentwicklung ist die Wahrnehmung. Kinder müssen ihre Umwelt im wahrsten Sinne des Wortes be„greifen“, um eine Vorstellung von den Dingen, ihrem eigenen Körper und den Beziehungen untereinander zu bekommen. Wahrnehmung bezeichnet die Fähigkeit, Informationen aus der Umwelt und des eigenen Körpers aufzunehmen, diese weiterzuleiten und zu verarbeiten.

Die Informationsaufnahme erfolgt über die verschiedenen Sinnessysteme. Entscheidend ist, aus der Fülle von Informationen diejenigen heraus zu filtern, die für die jeweilige Situation von Bedeutung sind. Es muss Ziel einer jeden Konzeption für Tageseinrichtungen sein, diese grundlegenden Aspekte der kindlichen Entwicklung in der täglichen Arbeit zu berücksichtigen.

Dies scheint in einem Waldkindergarten leichter realisierbar zu sein als in einem Regelkindergarten, denn der Aufenthalt im Wald bietet den Kindern Sinnesreize der unterschiedlichsten Art. Entsprechend der Vielfalt in der natürlichen Umgebung werden die Sinne der Kinder sehr differenziert angesprochen. „Allein über die Haut nimmt das Kind im Laufe eines Vormittags die verschiedensten Reize auf: kalt, warm, nass, trocken, weich, hart, sandig, glitschig und vieles mehr.“

Auch der Umgang mit den unterschiedlichsten Materialien (Holz, Erde, Blätter, Tannenzapfen, Moos, Rinde usw.) fördert die taktile Wahrnehmung und gleichzeitig die Geschicklichkeit. Im Wechsel der Jahreszeiten nehmen Kinder die vielfältigsten Gerüche wie Blumendüfte, feuchten Waldboden, Pilze, modriges Holz, Tannennadeln u. v. m. wahr. Die visuelle Wahrnehmung wird ebenfalls auf vielseitige Art und Weise angesprochen. Kinder im Waldkindergarten haben zahlreiche Möglichkeiten, ihre Umgebung zu beobachten, zu betrachten, zu untersuchen.

Entsprechend dem natürlichen
Neugierverhalten werden Dinge gesucht, gesammelt, in Beziehung gesetzt, verglichen, beschrieben usw. Ausdauernde Beschäftigung und Konzentrationsfähigkeit werden gleichzeitig gefördert. Im Hinblick auf die akustische Wahrnehmung können Kinder unterschiedliche Tierlaute, das Rauschen der Blätter im Wind oder unbekannte Geräusche, die erst identifiziert werden müssen, ebenso wahrnehmen wie zum Beispiel den Wechsel von Geräuschen bzw. Lärm und Stille. In der heutigen Zeit einen Ort der Ruhe zu finden, ist besonders auch für Kinder oftmals sehr schwierig.

Im Wald besteht diese Rückzugsmöglichkeit und Kinder können die dort herrschende Stille unmittelbar erleben. Den Geräuschen des Waldes zu lauschen, sich mit Muße einer Sache zu widmen oder auch einfach im Gras zu liegen und die Wolken zu beobachten, bedeutet auch gleichzeitig größeres Wohlbefinden und kann der Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit dienen.

Erzieherinnen und Eltern erleben „Kinder, die den Waldkindergarten besuchen, als ausgeglichener, stressfreier und weniger aggressiv als andere Kinder.“ (Schede, Hans-Georg: Der Waldkindergarten auf einen Blick. S. 19, Freiburg im Breisgau 2000)
Die Vielfalt an Bewegungsanlässen und -möglichkeiten trägt zur Schulung der vestibulären und kinästhetischen Wahrnehmung bei. So müssen Kinder sich beim Gehen, Laufen und Spielen zum Beispiel immer wieder auf unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten einstellen. Das Gehen auf asphaltierten Wegen stellt andere Anforderungen und vermittelt andere Eindrücke als das Gehen auf weichem Waldboden, das Aufwirbeln
von Laub oder das Bewältigen von Hindernissen wie Steine, Hölzer, Baumwurzeln oder Ähnliches.

Das vielfältige Gelände bietet Möglichkeiten zum Balancieren, Klettern, Rutschen, Hangeln, Aufsteigen, Rollen, Springen usw. Der Körper wird immer wieder neu erfahren, permanent müssen Herausforderungen bewältigt werden. Lediglich die gustatorische Wahrnehmung tritt im Wald in den Hintergrund, da Waldfrüchte wie Beeren, Pilze und Kräuter aufgrund der Infektionsgefahr nicht gegessen werden dürfen. Weitere Ziele auf einen Blick:


  • Förderung der Motorik durch natürliche, differenzierte, lustvolle Bewegungsanlässe und -möglichkeiten,

  • Erleben der jahreszeitlichen Rhythmen und Naturerscheinungen,

  • Förderung der Sinneswahrnehmung durch Primärerfahrungen,

  • ganzheitliches Lernen, das heißt Lernen mit den Sinnen, mit dem Körper, alle Ebenen der Wahrnehmung ansprechend,

  • Erleben der Pflanzen und Tiere in ihren originären Lebensräumen,

  • Möglichkeiten, die Grenzen eigener Körperlichkeit zu erfahren,

  • Erfahren von Stille und Sensibilisierung für das gesprochene Wort,

  • Sensibilisierung für ökologische Zusammenhänge und Vernetzungen,

  • Wertschätzung der Lebensgemeinschaft Wald und des Lebens überhaupt.